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Auf einmal muss ich pflegen können …

Jeder hat Eltern. Und so wird beinahe jeder irgendwann einmal vor der Frage stehen: Will ich meine Eltern im Alter selbst pflegen? Wer vor dieser Frage steht oder sie bereits mit „Ja“ beantwortet hat, erhält hier wertvolle Tipps von Gerda Zölle, Altenpflegerin, Lehrerin für Pflegeberufe und bei der WALA für die Fachberatung Pflege zuständig.

1. Was sollte ich beachten, bevor ich mich entscheide, ob ich zu Hause einen Angehörigen pflegen möchte?

Ich sollte mich selbst einer Prüfung unterziehen und mir folgende Fragen ehrlich beantworten:


  • Aus welcher Motivation heraus möchte ich pflegen? Aus Pflichtgefühl oder aus eigenem Wollen?
    Sozialer Druck von der Familie, dem Kranken, Freunden oder Bekannten darf bei dieser sehr individuellen, persönlichen Entscheidung keine Rolle spielen. Die innere Einstellung des Angehörigen gegenüber der Pflegeaufgabe hat einen entscheidenden Einfluss – sowohl auf das Wohlgefühl des Kranken als auch auf das des Pflegenden. Wer sich „aufopfert“, hilft weder sich selbst noch einem anderen damit.

  • Wer bin ich und was brauche ich? Wie viel Freiheit benötige ich für mich?
    Kann ich 24 Stunden am Tag für einen anderen Menschen da sein? Komme ich damit zurecht, meinen Beruf aufzugeben? Ist es in Ordnung für mich, lange Zeit keinen Urlaub mehr zu machen – oder getrennt von meinem Partner? Kann ich mit den Schmerzen und den Ausscheidungen des Kranken umgehen – oder empfinde ich einen Ekel, den ich nicht überwinden kann?

  • Schaffe ich das?
    Nur wer sich bewusst macht, was es bedeutet, einen Menschen zu pflegen, kann sich selbst diese essentielle Frage beantworten. Durch den Austausch mit der Familie, mit Freunden und Bekannten, die vielleicht selbst bereits Pflegeerfahrungen gesammelt haben, sowie mit der Hilfe von professionellen Beratern aus Krankenhäusern, Sozialstationen und Krankenkassen können Angehörige von Pflegefällen besser einschätzen, ob sie die häusliche Pflege tatsächlich auf sich nehmen möchten.

  • Erlaubt es mir meine finanzielle Situation, meinen Angehörigen selbst zu pflegen?
    Oft ist es nötig, kostspielige Umbauten an den Wohnräumen vorzunehmen, um eine geeignete Umgebung für den Pflegebedürftigen zu schaffen. Auch der Verdienstausfall durch die Aufgabe des eigenen Berufs kann durch das staatliche Pflegegeld nicht ausgeglichen werden. Wer sich also für die häusliche Pflege entscheidet, sollte sich zuvor einen gründlichen Überblick über die eigenen Finanzen beschaffen.


  • 2. Wie kann ich dauerhaft eine gute Beziehung zu dem Pflegebedürftigen aufrechterhalten?
    Um zu vermeiden, dass im Laufe der Zeit Ressentiments gegen den Kranken entstehen, sollten Angehörige ihr „Ja“ zur häuslichen Pflege anhand der oben aufgezählten Fragen regelmäßig überprüfen und einen kritischen Blick auf Geschehenes und auf die aktuelle Situation werfen. Nur wenn der „innere Vertrag“ aus rundum freien Stücken weitergeführt werden kann, sollten Pflegende dies auch tun. Jeder Angehörige hat zu jeder Zeit die volle Berechtigung, sich gegen die häusliche Pflege zu entscheiden.

    3. Wie schaffe ich eine geeignete Umgebung für den Pflegebedürftigen?
    Pflegebedürftige müssen häufig Abschied nehmen von ihrer eigenen Wohnung und sich plötzlich auf einen Raum beschränken, der Wohn-, Schlaf- und Esszimmer zugleich ist. Umso wichtiger ist es, dass der Kranke sich in diesem Raum wohl fühlt. Daher sollte das Zimmer nicht nur nach praktischen Kriterien ausgestattet werden, sondern die Persönlichkeit des Pflegebedürftigen berücksichtigen – optimalerweise wird dieser selbst in die Gestaltung des Raumes einbezogen. Darüber hinaus ist es wichtig, dass die Intimsphäre des Kranken in seinem Raum gewahrt wird – es handelt sich hierbei nicht um ein Zimmer, in dem jeder ein- und ausgehen kann, wie es ihm beliebt.

    4. Wie lerne ich, selbst Pflegemaßnahmen durchzuführen? Und wohin kann ich mich wenden, wenn ich Hilfe brauche?
    Viele Krankenhäuser – darunter zum Beispiel das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke – bieten Patienten und deren Angehörigen eine so genannte Pflegeüberleitung an. Im Rahmen der Pflegeüberleitung beantworten Pflegefachleute Fragen rund um die häusliche Pflege, unterstützen Angehörige bei der Beschaffung notwendiger Hilfsmittel und stehen bei der Finanzierung aller Maßnahmen beratend zur Seite.

    Darüber hinaus bieten Krankenhäuser, Sozialstationen, Versicherungen und Pflegepraxen regelmäßig Kurse an, die Laien vermitteln, wie sie Pflegeprobleme erkennen und beheben können. Zudem unterstützen die Pflegeberater Angehörige dabei, die eigenen Grenzen zu erkennen und – sobald dies notwendig wird – professionelle Hilfe hinzuzuziehen.

    Beratung sowie geeignete Kurse für Laien bieten zum Beispiel die Freie Pflege Praxis Ulm und die Freie Pflegepraxis Oldenburg an:

    Freie Pflege Praxis Ulm
    Neue Straße 46
    89073 Ulm
    Tel.: 07 31/1 59 76-31
    Fax: 07 31/1 59 76-32
    Info@Pflegepraxis-Ulm.de
    Zum Kursprogramm: www.pflegepraxis-ulm.de/kurse.php

    Freie Pflegepraxis Oldenburg
    Stedinger Straße 30-32
    26135 Oldenburg
    Tel.: 04 41/36 18 97-03
    Fax: 04 41/36 18 97-04
    Mobilfunk 01 78/5 25 88 98
    info@pflegepraxis-oldenburg.de
    www.pflegepraxis-oldenburg.de

    NACHGEFRAGT
    Was unterscheidet die anthroposophische Pflege von der schulmedizinisch geprägten Pflege?
    Die anthroposophische Pflege zeichnet sich durch ein ganzheitliches, tiefgreifendes pflegerisches Verständnis aus. Sie verharrt nicht auf der Ebene der Pflegehandlung und -technik, sondern geht über die Befriedigung rein physischer Bedürfnisse hinaus, indem sie auch die seelischen und geistigen Ansprüche des Kranken mit einbezieht. Voraussetzung hierfür ist die innere Haltung des Pflegenden, die ein waches Bewusstsein für die Situation und die Bedürfnisse des Patienten beinhaltet. Wertschätzung und Zuneigung, Berührungen, direkte Ansprache, das Teilhabenlassen an Erlebnissen sowie persönliche Gesten spielen eine wichtige Rolle: Hat ein Kranker zum Beispiel immer gerne Schubert gehört, so kann ihm die Musik auch jetzt Lebensqualität zurückgeben. Auf diese Weise ergänzt die anthroposophische Pflege die schulmedizinisch geprägte Pflege – sie kann diese jedoch keineswegs ersetzen.

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